6. Teil

„Alles hät sing Zick"

So lautet das Motto dieser Session, die wiederum vom Coronavirus geprägt ist.

Was bietet sich in dieser Zeit, in der Kontakte wegen der Ansteckungsgefahr zu vermeiden sind, mehr an, als zu einem Buch zu greifen? Und nicht zu irgendeinem, sondern zu den Werken unserer Mundartautoren! Das diesjährige Karnevalsmotto gibt dazu Anregungen. Denn dieses Zitat stammt aus dem Alten Testament (Prediger 3) und wird dort detailliert ausgeführt:

„Alles hat seine Zeit und jegliches Vorhaben unter dem Himmel seine Stunde.
Geborenwerden hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit;
Pflanzen hat seine Zeit, und Gepflanztes ausreißen hat seine Zeit;
Töten hat seine Zeit, und Heilen hat seine Zeit;
Zerstören hat seine Zeit, und Bauen hat seine Zeit;
Weinen hat seine Zeit, und Lachen hat seine Zeit;
Klagen hat seine Zeit, und Tanzen hat seine Zeit;
Steine schleudern hat seine Zeit, und Steine sammeln hat seine Zeit;
Umarmen hat seine Zeit, und sich der Umarmung enthalten hat seine Zeit;
Suchen hat seine Zeit, und Verlieren hat seine Zeit;
Aufbewahren hat seine Zeit, und Wegwerfen hat seine Zeit;
Zerreißen hat seine Zeit, und Flicken hat seine Zeit;
Schweigen hat seine Zeit, und Reden hat seine Zeit;
Lieben hat seine Zeit, und Hassen hat seine Zeit;
Krieg hat seine Zeit, und Friede hat seine Zeit.“

Zu einigen dieser Paare haben wir kölsche Texte ausgesucht, die die jeweiligen Inhalte widerspiegeln. Die Texte sind humorvoll oder ernst, wie es das jeweilige Stichwort verlangt.
Wir beenden unsere Serie mit zwei Texten zum Thema Karneval: für „Klagen“ steht der „Äschermettwoch“, für „Tanzen“ das „Fastelovends-Leedche“. Die Gedichte stammen von zwei Autoren, die sich intensiv und auf vielfältige Weise für Köln und die „kölsche Sproch“ engagiert haben: Heribert Klar (1933-1992) und Wilhelm Schneider-Clauß (1862-1949). Auf literarischem Gebiet haben beide in fast allen Gattungen Werke hinterlassen, wie eine Reihe von Publikationen beweisen. Unser Text von Heribert Klar findet sich in seinem Buch „Mer hät nit Auge jenoch“, erschienen 1984 im Greven Verlag, der von Wilhelm Schneider-Clauß in „Gedeechte“, dem zweiten Band der Gesamtausgabe, die vom Heimatverein Alt-Köln e.V. herausgegeben wurde.

Hier kommen nun die beiden Gedichte zu unserem karnevalistisch gedeuteten Paar des Bibelzitats:
„Klagen hat seine Zeit, und Tanzen hat seine Zeit“

Äschermettwoch

Ne bunkten Hot
litt en der Sot
allein un janz verloße.
Noh fruhe Däch
sin leer jefäch
un jro de miehzte Stroße.

Nor he un do
Lööch uus däm Jro
En Luffschlang, sei blevv hange.
Die jecke Tön
- Nä, wor dat schön! –Sin och derwiel verjange.

De leddije Täsch,
et Krütz vun Äsch,
die welle und jitz zeije,
wie jroße Freud
he flöck verjeiht.
Wäm weed et do nit eije?

Jo, deech bei deech
Litt jot un schlääch,
litt Fruhsenn un Moleste.
Dröm dot üch hück,
en steller Zick,
för neue Fruhsenn räste.

Heribert Klar

Fastelovends-Leedche

Fastelovend hück mer han,
Komm, Marieche, komm:
Dun deer flöck der Flabes an,
Laach un beß nit domm.
Löstig sin, dat schad’t deer nix,
Deit och nix verderve,
Schnüsse maache baat deer nix.
Schnüsse, dat sin Scherve.
Loß mer singe, juze, laache,
Met Genögde Freud uns maache,
Sing, Marieche, sing:
Kölsche Junge, kölsche Mädcher,
Kölsche Krätz un kölsche Leedcher,
Kölsche Aat un kölsche Klaaf,
Alles en einem: Köllen alaaf!

Wilhelm Schneider-Clauß