Kölsche Originale

Kölner Originale – so nannte man Menschen mit sonderbaren Einfällen und Gepflogenheiten. Sie alle besitzen ungewöhnliche Fähigkeiten und lebten zumeist im 18. / 19. Jhdt. Mittlerweile kennt man sie kaum noch – darum ist es Zeit, an sie zu erinnern und sie uns wieder einmal ins Gedächtnis zu rufen.

Bolze Lott (Scholastika Bolz 08.12.1825 - 03.09.1902)

Mit richtigem Namen Scholastika Bolz, lernte „et Lott“ schon früh, sich durchzusetzen. Das war gut so, denn diese Fähigkeit sollte sich in den nächsten Jahren noch oft nützlich erweisen.
Zwar ging sie am 29. Juli 1846 den Bund der he ein, doch das Glück währte nicht lange, denn ihr Mann Johann Friedrich war ein übler Schläger und gehörte zur schlimmsten Sorte der Rhingroller. (Arbeitslosen) So kam es, dass er bereits kurz nach den Flitterwochen inhaftiert wurde. Er überlebte den Aufenthalt jedoch nicht und machte Scholastika damit sehr jung zur Witfrau. Allein auf sich gestellt, verdingte sie sich zunächst als „Kääzemöhn“. Doch die Kundschaft blieb bald aus, als sich herausstellte, dass et Lott zwar für die Kerzen kassierte, diese jedoch nicht aufstellte. Außerdem trieb sie sich mit unflätigen Aussagen vor der Kirche herum, was den Geistigen überhaupt nicht gefiel. Einmal soll ein Priester sie – als sie im Winter auf den kalten Steinen hockte - gefragt haben: „Hatt Ehr als jet kräge?“, worauf sie bissig antwortet: „Eja, en kahl Fott!“

Am Zoll vorbei
Ab 1856 fand Bolze Lott in der Hafengegend ein neues Beschäftigungsfeld. Dort mutierte sie nach und nach zum Schrecken der Zollbeamten. Denn sie hatte eine geeignete Methode gefunden, um durch Schmuggelei ihr Leben zu finanzieren. Zugute kam ihr dabei die damalige Mode, genauer gesagt: die Krinoline – ein durch Stahlreifen glockenförmig aufgeblähter Unterrock, mit einem Umfang von bis zu vier Metern. Dadurch bot dieser viel Platz im Inneren.
Ein kleiner Sack Mehl oder ein paar Kilo Fleisch passten gut darunter – auch, wenn es dadurch unmöglich schien, vernünftig zu laufen. Doch das störte Scholastika nicht und so watschelte sie des Öfteren über eine Bricke oder von einem Schiff. Traute sich dann doch ab und an ein Zollbeamter, sie zu durchsuchen, so hatte er die Rechnung ohne Bolze Lott gemacht. Mittlerweile fast zahnlos, versetzte sie diesem eine ordentliche Tracht Prügel, oder brüllte Zeter und Mordio und beschuldigte diesen, sie unsittlich berührt zu haben. Oft ließ sie sich kontrollieren, wenn sie nichts schmuggelte, nur um danach lauthals in großes Geschrei auszubrechen. Dadurch traute sich bald kaum noch ein Beamter an sie heran. Etwas später folgte auf die Krinoline noch das „Cul de Paris“ – oder „der Küh“, wie die Kölner es liebevoll nannten. Es hatte den Anschein eines abstehenden Klotzes am Hinterteil, auf dem bequem ein Kind sitzen konnte. Scholastika machte sich auch diesen Trend zu nutzen, kombinierte die Krinoline mit dem Cul de Paris und versteckte dadurch einfach noch mehr Lebensmittel vor dem Zoll. Die Beamten konnten einem leidtun – auch in damaliger Zeit war es sittenwidrig, einer Dame ans Hinterteil zu fassen.

Im Alter nicht ruhiger
Als ihr das Alter später zu schaffen machte, verlegte sie sich ab 1873 wieder aufs Hausieren, handelte mit Kerzen und allerlei Zeugs und zog von Tür zu Tür. Doch auch da konnte sie es nicht lassen, alle Leute zu beschimpfen, die nichts kauften.

Lied von Josef Klefisch 1952

Et Bolze Lott wäden ich genannt
Un et heisch, ich wör en Fääsch!
Beim Schmuggele hätt noch keine Scharschant
Mich am Schlawitt gekrääch.

"Bolze Lott, Bolze Lott,
Bliev wie immer luus un flott.
Steck die Küh gerammelt voll,
Zahl nor keine Penning Zoll!!

Beluhrt die Krinolin am Po
Un hingen eröm die Küh:
Die sin nor zum Verstecje do,
Vun Speck und Woosch und Flüh.

"Bolze Lott, Bolze Lott …“

Su han ich als Beruf gewählt
Die Lebensnitel-Branch.
Der Hunger hät mich nie gequält,
Han och Schabau gepansch.

In den letzten Jahren verlief ihr Leben ruhiger, doch noch immer hatten die Nachbarn Angst vor ihrem losen Mundwerk. Doch im „Zebingemann“ fand et Lott ihren Meister. Als sie nämlich dessen Künste anzweifelte entgegnete dieser: „Lott, ich krigge alles gefleck, nur Ding Schnüß, do kann ich och nix maache!“ Am 3. September 1902 verstarb sie in ihrer Wohnung. Josef Bayer berichtete: „Ob sie bis hart an die Pforte des Todes ihr wüstes Schimpfen fortgesetzt hat […], ist nicht bekannt […].“