Kölsche Originale

Kölner Originale – so nannte man Menschen mit sonderbaren Einfällen und Gepflogenheiten. Sie alle besitzen ungewöhnliche Fähigkeiten und lebten zumeist im 18. / 19. Jhdt. Mittlerweile kennt man sie kaum noch – darum ist es Zeit, an sie zu erinnern und sie uns wieder einmal ins Gedächtnis zu rufen.

Fleuten-Arnöldche (Arnold Wenger 12. Februar 1836 – 25. Oktober 1902)

"Wat dä Palm op dä Orgel kann, maache ich met dr Fleut!", muss sich Arnold Wenger damals gedacht haben, als er seine Laufbahn als Straßenmusikant einschlug. Auf die Idee, diese Tätigkeit in einem Orchester oder einer Kapelle auszuführen, kam er erst gar nicht. Den Grundstein des musikalischen Talents bekam das Arnöldchen von seinem Vater Theodor in die Wiege gelegt, Denn der Musikus unterhielt die Gäste in seiner Weinstube immer mit musikalischen Klängen. Leider trug dies aber auch dazu bei, dass Arnold, der zwischen den Weinfässern aufwuchs, Zeit seines Lebens von großem Durst geplagt war. Nicht selten musste er, mittels eines Schlauchs, den Wein vom Fass in eine Kanne umfülle. Da dieser Schlauch erst angesaugt werden musste konnte es nicht vermieden werden, dass der ein oder andere Tropfen dabei im Mund landete.

Der Beginn seiner Künstlerkarriere

Arnold begann also seine Laufbahn auf Kölns Straßen und war dabei nicht nur bei den Kindern, sondern auch den Erwachsenen beliebt. „Et Fleuten dat eß ganz geweß, En Musik wunderschön: Et maachen doch däm Ohr vill Späß, die huh un deefe Tön!“ Der pausbäckige Arnold, oder: et Fleuten-Arnöldche – wie er bald genannt wurde, war ein harmloser Charakter. Vor alle den Marktfrauen war er sehr zugetan. Zwar hatten die eisten von ihnen eine sehr raue Schale, doch darunter verbarg sich oftmals ein gutes Herz. Und da das Arnöldchen stets den richtigen Ton traf, konnte er sich auf sie verlassen. Stand beispielsweise der Namenstag einer Marktfrau an, sang Arnold ihr zu Ehren ein kleines Lied. Meist endete die Tour in einem Lokal, wo es jedoch nicht selten passierte, dass er dort auf den Maler Bock traf, der mal wieder einer „verehrten“ Wirtsfrau seine Aufwartung machte. Da die beiden sich jedoch nicht mochten, wurde schnell die Tapete gewechselt.
In späteren Jahren wurde öfter manch übler Scherz mit ihm getrieben. Einmal versprachen ihm ein par Witzbolde so viel Alkohol wie er trinken konnte, wenn er zuvor einen großen Topf Sud von eingelegten Heringen austrinke. Mit Todesverachtung schüttete er das Zeug hinunter.

Ein tiefer Absturz und sehr viel Glück

Sehr oft musste er von der Polizei aufgelesen und weggebracht werden. Als dies immer häufiger passierte, neigte sich die Geduld der Behörden dem Ende. Da vereinzelte Strafen nichts bewirkten, wurde er im Februar 1875 in die Arbeitsanstalt Brauweile eingewiesen. Optisch hatte er sich da bereits stark verändert, denn der Alkohol der letzten Jahrzehnte begann Spuren zu hinterlassen: Unsaubere Kleidung, speckige Kappe, dass Gesicht tiefrot und von Pusteln übersäht – kein schöner Anblick! In der Anstalt begann eine leidvolle Zeit für den Musikus: Harte körperliche Arbeit, die weder mit Bier noch Schnaps entlohnt wurde. Doch et Arnöldche hatte mehr Glück als Verstand. Eine Erbschaft von ca. 6000 Mark machte ihn zu einem reichen Mann. Schon bald schloss er mit der Stadt Köln einen Vertrag der besagte, dass diese sich verpflichtet, ihn gegen eine Zahle von eben diesen 6000 Mark zeitlebens in einem ihrer Häuser zu verpflegen. Und so zog et Fleuten-Arnöldche im November 1875 von der Arbeitsanstalt in das Bürgerhospital – als Invalidenpensionär. Doch das Glück hielt nicht lange an, da Arnold das ihm zugewiesene Taschengeld in Schnaps umsetzte und somit untragbar für das Hospital wurde. So wurde er nur ein Jahr später – im November 1876 in die Krankenanstalt Lindenburg verlegt. Dort erhielt er als Pensionär I. Klasse ein Einzelzimmer und den dortigen Ärzten gelang ein kleines Wunder: Durch gezielte Therapie, penible Ordnung, Sauberkeit sowie reichliches und gutes Essen, wurde Arnold die Rückkehr in ein normales Leben möglich.

Die letzten Jahre

Wieder gesundet wurde er für Gartenarbeit eingesetzt. Nach Jahren des Elends ging es ihm richtig gut und doch überkam ihn das Heimweh: „Jitz ben ich ald zick 76 heh un kumme nit mih noh Kölle. […]“ Anfangs versorgten ihn seine alten Freunde noch hin und wieder mit eine Flasche Schnaps – denn die totale Abkehr vom Alkohol gelang ihm auch in der Lindenburg nicht. Doch mit der Zeit wurden die Besuche seltener und das Arnöldchen geriet in Köln in Vergessenheit. Zumindest in der Lindenburg durfte er sonntags auf seiner Querflöte spielen – zu seiner großen Freude & der der Kranken, die sein Spiel gerne hörten und ihm kräftige Beifall spendeten. Die andren Musiker waren so klug, sich nach ihm zu richten. Zwar konnte er Noten lesen, doch seine Interpretation dieser war mitunter etwas verwirrend.
Seine letzten Jahre verbrachte er in aller Zufriedenheit. Am 25. Oktober 1902 verstarb er an einem Kehlkopfleiden. Bis zu diesem Tag pflegte er stolz den neu eingelieferten Kranken zu erzählen: „Ich ben he Pensionär!“