Kölner Köpfe

Interview mit Professor Werner Eck und Jonas Rothe

Mitten im damals

Auf Einladung der Journalistin Christina Bacher traf sich Professor Werner Eck mit Jonas Rothe zum „Blind-Date“ am Alter Markt.
Der emeritierte Professor für Alte Geschichte und Herausgeber der 13-bändigen Kölner Stadtgeschichte, der kürzlich seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, und der 33jährige Unternehmensgründer Jonas Rothe, dessen Start-up TimeRide sich gerade von Köln aus den Weg in die Welt sucht, verbindet die selbe Leidenschaft für Stadtgeschichte.
Und beide haben offenbar ein und dieselbe Mission: Längst vergangene geschichtliche Ereignisse neu erleb- und erfahrbar zu machen, auch, um Menschen wieder miteinander ins Gespräch zu bringen.

Jonas Rothe und Prof. Werner Eck

KLAAF: Wie passend, dass wir uns ausgerechnet am Alter Markt treffen. Hier wurde im Jahre 2016 der  erste TimeRide eröffnet, wo man mit der recht neuen Technik der „Virtual Reality“ durch das Köln im Jahr 1909 reisen kann. Und gleichzeitig blickt dieser Ort auf eine mehr als 2000-jährige Geschichte zurück ….

Prof. Werner Eck:
Ja, das stimmt. Wir befinden uns hier genaugenommen außerhalb der römischen Stadt, denn die Stadtmauer verlief ja den Abhang entlang, auf dem heute das Rathaus steht. Ansonsten befand sich hier eigentlich nur Wasser und eben die Rheininsel, die auch von Anfang an genutzt wurde, unter anderem.a. für große Speicherbauten für all die Waren, die vor allem übers Wasser in die Stadt transportiert wurden; die Fundamente der Speicher wurden später für die Grundmauern der romanischen Kirche Groß Sankt-Martin verwendet, vor der wir gerade stehen. Nachdem schon zu Beginn des zweiten Jahrhunderts nach. Christus. der Rheinarm verlandet war, wurde das Gelände zu Beginn des 4. Jahrhunderts in die Stadt einbezogen. Ja, ein sehr besonderer Ort, der auch zeigt, dass es Köln als Stadt schon vor Christi Geburt gegeben haben muss. Denn: Hätte es nicht eine Siedlung gegeben, hätte man ja auch keinen Speicher gebraucht.

Jonas Rothe: Für uns ist der Standort hier wegen seiner zentralen Lage natürlich ideal. Viele Menschen kommen vorbei und schauen sich neugierig den Nachbau der ersten elektrischen Straßenbahn an, die man ja von außen auch gut sehen kann. Mit dieser Bahn geht es dann später – nach einem Rundgang mit 3-D-Fotografien und einem Besuch im Lichtspielsaal – auch auf virtuelle Reise – dank unserer eigens entwickelten Software und einer VR-Brille, die ein 360 Grad-Panorama ermöglicht.

"Der Mythos Köln Ende des 19. Jhdt."

Vor Groß St. Martin (Foto: K. Hein)

KLAAF: Herr Rothe, Ihr Weg nach Köln führte Sie zunächst über Dresden, die USA, Freiburg und München. Wie kam es, dass sie mit Ihrem  sehr erfolgreichen Start-Up ausgerechnet in Köln begannen? Und warum haben Sie sich das Jahr 1909 für die erste Zeitreise ausgesucht?

Jonas Rothe: Wir haben uns ganz bewusst für eine Zeitreise ins Köln des Jahres 1909 entschieden: Zum ersten Mal stand der Zeppelin damals für alle deutlich sichtbar am Himmel – für die Bevölkerung damals natürlich ein Großereignis. Außerdem wollten wir gerne mit dem Mythos des alten Kölns um die Jahrhundertwende aufräumen, das sich als sehr prunkvoll bis heute in den Köpfen hält. Tatsächlich war das nur bedingt der Fall, wie historische Quellen belegen:
Schon als die Franzosen 1794 nach Köln kamen, haben sie erstmal die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wie schlimm das hier aussah. Das war mehr Moloch als Metropole. Die Öffnung nach außen und die Entwicklung zu einer modernen Stadt änderte sich dann ja erst durch die Preußen, obwohl das viele Kölner ja nicht hören wollen.  

Werner Eck: Die Preußen haben hier viel modernisiert, natürlich. Nur städtebaulich ist da erst mal fast nichts passiert oder besser gesagt: Ees konnte nicht viel passieren.: Die Preußen haben mehr als 65 Jahre gebraucht, bis sie zugestimmt haben, dass die Stadtmauer geschleift werden durfte. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Stadt hermetisch abgeriegelt und von der Außenwelt abgeschlossen – außenherum lagen überall nur  militärische Anlagen.
Erst, als man merkte, dass eine solche Festung im Krieg nichts mehr nützte, wohl aber einer modernen verkehrstechnischen Entwicklung entgegenstand, hat man sich entschieden, die Stadt zu öffnen. Konsequent vollzogen wurde das sogar erst nach dem Ersten Weltkrieg. Das Stadtbild von damals, da gebe ich Ihnen Recht, kann sich heute kaum noch einer vorstellen. Dafür wurde im Zweiten Weltkrieg zu viel zerstört.

Zurück in die Zukunft ist plötzlich möglich"

KLAAF: Ein großes Team hat sich deshalb ja im Vorfeld bemüht, die historischen Ansichten aller Häuser und Gebäude entlang der virtuellen Straßenbahn-Fahrt anhand alter Aufnahmen zu rekonstruieren. Danach folgte ein aufwendiger Prozess, in dem diese Szenerie dreidimensional als Software umgesetzt wurde. Wie sind Sie überhaupt auf die VR-Technik aufmerksam geworden, die Sie für TimeRide nutzen?

Jonas Rothe: Es muss so um 2014 gewesen sein, als ich zum ersten Mal den Prototyp einer VR-Brille aufsetzte. In dem Moment habe ich sofort gewusst, dass meine Vision einer völlig neuartigen Stadtwahrnehmung, wie ich sie bereits in meiner Masterarbeit beschrieben hatte, nun endlich in die Tat umgesetzt werden kann. Die Neugier, sich in eine andere Zeit zu beamen – mit der ja auch Filme wie „Zurück in die Zukunft“ spielen – , hat mich schon immer fasziniert. Jetzt war das technisch plötzlich annähernd möglich. Der Weg hin zur Umsetzung – und natürlich auch zu einer Finanzierung – war dann natürlich noch recht aufregend und teilweise auch steinig. 

KLAAF: Steckt dahinter nicht auch eine ganz neue Art der Geschichtsvermittlung? Im Gegensatz zum verschulten Geschichtsunterricht, in dem man – jedenfalls oft – ja eher Fakten und Perioden auswendig lernt, wird hier den Menschen auf eine eher vermittelnde, unterhaltsame Weise eine längst vergangene Welt ganz neu erschlossen …

Prof. Werner Eck: Ich würde noch nicht mal sagen, dass das Lernen von Fakten und die Verbildlichung von Geschichte ein Gegensatz darstellt. Das gehört doch beides irgendwo auch zusammen – gerade heute, wo die Menschen eher visuell lernen und auf Bilder angewiesen sind. Problematisch fände ich es natürlich, wenn die Bilder nicht in einen Kontext gestellt werden oder man die historischen Fakten extrem verfälscht, so wie das in Historienfilmen leider oft passiert – tolle Bilder in einem völlig falschen Zusammenhang. Aber wenn das stimmig ist, ist das doch toll!

„Es war schon immer mein großer Traum, eine Zeitreise zu unternehmen.“
Jonas Rothe


Jonas Rothe: Was das Thema der Wissensvermittlung anbelangt, kristallisieren sich meiner Meinung nach tatsächlich zwei Methoden heraus. Denn neben der rezeptiven Aufnahme von Fakten, die man sich aneignen muss, gibt es ja noch eine emotionale Art zu lernen. Inzwischen ist es wissenschaftlich erwiesen, je emotionaler man etwas wahrnimmt, desto besser kann man sich das merken. Das heißt für das TimeRide-Konzept, dass wir ein möglichst breites Sinneserlebnis herstellen. Wir arbeiten mit Haptik, mit Geräuschen und – in München – spielen wir mit der Simulation, als würde man fliegen. Als nächstes wollen wir Gerüche integrieren, vielleicht der emotionalste Sinn des Menschen.

„Manche Politiker könnten durchaus einen Crash-Kurs in Geschichte vertragen, bevor sie mit historischen Anspielungen argumentieren oder ihre Entscheidungen treffen.“  
Werner Eck

Wir müssen uns mehr über Geschichte austauschen

KLAAF: Was folgt denn im Idealfall, wenn sich die Menschen – ob jung oder alt – wieder mehr mit ihrer Geschichte und deren Auswirkungen beschäftigen würden? Verbinden Sie da auch in einen gewissen Bildungsauftrag mit Ihrer jeweiligen Arbeit?

Jonas Rothe: Als Unternehmer habe ich da zunächst keinen Bildungsauftrag. Ich möchte einfach diese kindliche Neugier der Menschen nutzen und durch das Medium der Zeitreise Interesse für Geschichte wecken. Ich persönlich aber finde es unglaublich wichtig, dass wir nicht aufhören, uns miteinander darüber auszutauschen, was Geschichte für unsere heutige Gesellschaft bedeutet und wie sie uns beeinflusst.

Werner Eck: Ich will sehr betonen, wie wichtig es ist zu verstehen, dass der jetzige Zustand kein absoluter ist. Und schon gar kein Idealzustand, den wir für immer bewahren müssen. Es gibt immer Entwicklungen mit einem Aauf und Nnieder, das lernt man aus der Geschichte. Man hat ja am Beispiel der DDR gesehen, wie schnell ein System zusammenbrechen kann, obwohl man bis zum Schluss – wie im Sozialismus üblich – an einem idealen Endzustand festgehalten hat. Geschichte aber hat immer mit Beweglichkeit und Veränderung zu tun, die auch nicht von jedem Menschen als gleich gut oder schlecht empfunden wird. Ein Faktum, das  manche Politiker in ihren Entscheidungen leider außer Aacht lassen.

Jonas Rothe: Im Grunde kann ich das nur unterstreichen. Man muss als Gesellschaft beweglich bleiben. Denn wenn man stehen bleibt, ist das der geistige Tod. Daraus folgt aber auch, dass nicht alles bis ins Letzte verteidigt werden muss. Das kann man – denke ich – aus der Geschichte lernen.

KLAAF: Vielen Dank für das Gespräch.

Kurzbiografien

Werner Eck, Jahrgang 1939, gilt als international renommierter Experte für die römische Kaiserzeit und für lateinisch-griechische Inschriften. Unter anderem mit dem Max-Planck-Forschungspreis ausgezeichnet, reicht sein Wirkungskreis von Israel, Italien und Spanien bis hin nach England und Finnland. Verwurzelt ist der gebürtige Nürnberger aber in Köln, wo er von 1979 bis zu seiner Emeritierung 2007 als Professor lehrte und forschte. 2007 übernahm er die Herausgeberschaft der bislang 13-bändigen Kölner Stadtgeschichte.

Jonas Rothe, 33, ist in Dresden geboren und war bis zum Abitur Mitglied im Dresdner Kreuzchor, dann studierte er Kulturmanagement an der Musikhochschule in München. Bis heute unterstützt von seinem damaligen Professor, arbeitete er zunächst als Mitarbeiter in einer Beratungsfirma für Kultur- und Entertainment-Organisationen und gründete schließlich 2016 – u.a. finanziert von der Stadtsparkasse München – das Start-up TimeRide, das es inzwischen in Köln, Dresden, Berlin und München gibt. Jonas Rothe und sein Unternehmen wurden dafür 2018 mit dem Deutschen Tourismuspreis, dem Bayerischen Gründerpreis sowie auch dem Münchener Gründerpreis ausgezeichnet.

Das Gespräch führte Christina Bacher (Journalistin, Autorin); Fotos von Katharina Hein