Kölner Köpfe

Interview mit den beiden Musikern F. M. Willizil und Martin Bechler

Alles, nur kein Stillstand

Foto: Hanne Witte, 2019

Franz Martin Willizil hat Lieder wie „Hey Kölle, do bes e Jeföhl“ und „Kumm, loss mer fiere“ geschrieben. Bereits in den zwanzig Jahren als Mitglied der Kult-Band De Höhner galt der Multiinstrumentalist als Verfechter der Kölsch-Fraktion, logisch also, dass er sein späteres Bandprojekt genau so nannte. Mit Schmitz startet er ab Herbst 2019 weiter durch und tritt bei „Klaaf em Mediapark“ und der Weihnachtsveranstaltung in der Philharmonie „Su klingk Kölsch zor Chressdagszigg“ auf.   


Die Kölner Band Fortuna Ehrenfeld versteht sich zwar ebenfalls als Teil der Unterhaltungsbranche allerdings mit einem, wie er sagt, „unbestechlichen Ansatz“. Und doch trägt Martin Bechler – freier Komponist, Texter und Produzent – bei seinen bundesweit gefeierten Auftritten gerne mal Federboa und Schlafanzug. Der studierte Musikwissenschaftler legt nun mit „Helm ab zum Gebet“ sein drittes Album vor – produziert von René Tinner (CAN) und veröffentlicht unter Grand Hotel van Cleef.   Die Journalistin Christina Bacher hat die zwei ganz unterschiedlichen Kölner Musiker ins Café geladen, um mit ihnen über das zu sprechen, was sie vereint: Die Hingabe an die Musik.  

Foto:Hanna Witte, 2019

Klaaf: Ihr stammt beide aus Köln, seid euch jedoch nie persönlich begegnet. Dabei vereint euch in jedem Fall die Hingabe an die Musik und der Erfolg mit dem, was ihr tut. Ich bin gespannt, ob wir noch mehr Gemeinsamkeiten finden. Stellt euch doch mal kurz vor, so von Kölner Musik-Urgestein zu studiertem Musikwissenschaftler, der erst seit kurzem die Bühnen des ganzen Landes bespielt …  

Franz Martin Willizil: Stimmt, ich singe und spiele seit über 40 Jahren in den unterschiedlichsten Formationen wie De Höhner, KölschFraktion oder auch Solo. Alles fing damit an, dass ich auf der pädagogischen Hochschule meinen Kollegen Peter Horn und die anderen Jungs von den Höhnern kennengelernt habe, bei denen gerade jemand ausgefallen war. Eigentlich wollte ich ursprünglich Lehrer werden, habe dann aber ins Musikfach gewechselt. Und das habe ich nie bereut. Von Anfang an habe ich große Freude an dem, was ich tue. Und im Herbst starte ich mit meiner neuen Band Schmitz neu durch …  

Martin Bechler: Mich erwischt die Karriere als Musiker zu einem eher ungewöhnlichen Zeitpunkt. Bis dahin habe ich hier in Köln ein Tonstudio betrieben und friedlich als Autor und Produzent gearbeitet. Fortuna Ehrenfeld war ursprünglich ein Feierabendprojekt, die Überschussware meines Treibens. Ein junges Unternehmen, das gerade mal seine zweite Saison spielt mit plötzlich unerwartetem Wind in den Segeln. Tja, und jetzt wird der Teufel halt geritten. Mit viel Freude und der nötigen Bescheidenheit.

"Das Publikum entscheidet, was gefällt!"

Klaaf: Erfolg erzeugt ja auch immer eine gewisse Erwartungshaltung. Welche Rolle spielt diese, wenn man eine neue CD am Start hat oder immer wieder ein neues Programm auf die Bühne bringt? Kann man sich von diesem Druck frei machen?  

Martin Bechler: Ganz ehrlich? Ich scheiss’ auf Erwartungshaltung. Mir ist die Arbeit an diesen Albums sehr leicht gefallen, weil mir im Laufe das letzten Jahres klar wurde, dass wir unser Publikum gefunden haben. Nach endlos vielen Konzerten Zwo-achzehn wussten wir: Das ist hier nicht für die Tonne. So was erzeugt bei mir keinen Druck, sondern Laune hoch zehn.  

Franz Martin Willizil: Das kann ich auch aus eigener Erfahrung sagen, dass es gut ist, wenn man sich von diesem Druck befreit. Eigentlich ist das jedem Künstler klar, aber wenn das Einkommen davon abhängt, sieht die Sache oft schon wieder anders aus. Wichtig ist doch, dass man sich treu bleibt. Bei mir ist das eben die kölsche Sprache. Und die kann so viel mehr als nur Karneval. Das mit meiner Musik zu beweisen – Erfolg hin oder her – ist zu meiner Mission geworden.

Klaaf: Sozusagen als Gegenthese zu dem Trend, dass sogar im Karneval immer mehr Hochdeutsch gesungen wird, spielst du weiterhin nur op kölsch. Seht ihr das beide kritisch, wo ihr ja hier lebt?  

Martin Bechler: Es ist ja nun mal kein Geheimnis, dass der Trend rapide dahin geht, dass unser geliebtes Köln (und das meine ich ohne jegliche Ironie) zu Karneval immer mehr von Komatouristen überschwemmt wird, die sonst auf der Schinkenstraße abhängen. Solltet ihr das lesen: Haut ab, keiner hat hier Bock auf euch! Ich hatte als Immi von Anfang an das Glück, dass mir die richtigen Leute die richtigen Plätze gezeigt haben, an denen man ohne den Wix der ortsansässigen Geschäftemacher, die maßgeblich für diesen Trend verantwortlich sind, dieses verrückte „kölsche Ding“ abfeiern kann. Die Entwicklung der begleitenden Musik ist an (zu) vielen Stellen besorgniserregend.  

F.M. Willizil: Wir sitzen ja hier um die Ecke vom Lapidarium, das vor kurzem geschlossen hat und wo einst die erste Loss mer singe-Veranstaltung stattfand. In solchen Kneipen, die es immer weniger gibt, wird eben das hochgehalten und gepflegt, was für mich Sinn macht, es zu erhalten: Die Veedelskultur. Somit spricht mir das nächste Sessions-Motto „Et Hätz schleiht im Veedel“ aus dem Herzen. Im Gegenzug dazu geht es bei vielen großen Karnevalssitzungen zum großen Teil nur noch um Kommerz. Ich bin da eher ein Verfechter des ruhigeren Karnevals, das gebe ich gerne zu. Und spreche Kölsch übrigens auch ganzjährig, nicht nur in der Session.

"Sprache ist ein Zuhause"

Foto: Hanna Witte, 2019

Klaaf: Ob auf Hochdeutsch oder Kölsch – eure deutschsprachigen Texte geben den Menschen Halt. Die Songs sprechen offenbar vielen direkt aus dem Herzen. Kann – jenseits von Städten, Ländern, Kulturen – Sprache auch ein Zuhause sein?  

Franz Martin Willizil: Das glaube ich in jedem Fall. Ich bin ja zweisprachig aufgewachsen, da meine Eltern aus dem Sudetenland stammen und – damals noch über Berlin – ins Rheinland geflohen sind. Die konnten also gar kein Kölsch und so habe ich meine Sprache auf der Straße gelernt. Mit vielen Schulkameraden habe ich immer noch Kontakt, die im kölschen Brauchtum verhaftet sind. Vielleicht, weil ich immer schon sehr froh über meine Wurzeln war, bedeutet mir Kölsch unfassbar viel. Und deshalb schreibe ich auch auf op kölsch, weil ich mich darin am besten ausdrücken kann.  

Martin Bechler: Määtes, deine Zeilen in dem Lied „Kumm loss mer fiere“ Denn die Trone die do laachs muß de net kriesche“ treiben mir jedes Mal „et Pippi in die …“ weißt schon … Ich kenne keine Passage der Popliteratur, die die Notwendigkeit und Berechtigung von Unterhaltungsmusik besser auf den Punkt bringt. Respekt.   F.M. Willizil: Das freut mich. Wisst ihr, wie dieses Lied entstanden ist? Damals wohnte ich in der Eifel und bin nach den Konzerten immer – das Radio laut aufgedreht – die A 1 nach Hause gefahren. Es war der 17.1.1991, das werde ich nie vergessen, da kam die Meldung, dass im Irak Krieg ausgebrochen und Bagdad bombadiert worden ist. Und prompt fragten uns die Leute am nächsten Abend vorwurfsvoll, wie man angesichts einer solchen Meldung überhaupt noch Stimmungsmusik machen könne. Dann denkst du darüber nach, was du darauf antworten kannst. Und dieses Lied „Kumm loss mer fiere“ war dann unsere Antwort. Auf Hochdeutsch hätte ich das nie so ausdrücken können.

"Manchmal muss man einen Schlussstrich ziehen"

Klaaf: Wie gelingt es in Zeiten, die vor allem auf Charts und Beststeller ausgerichtet sind, dass man sich eine gewisse künstlerische Unabhängigkeit bewahrt? Wie sieht diese Freiheit aus in einer Branche, in der jeder jeden Tag ums Überleben kämpft?  

F.M. Willizil: Idealerweise gelingt ja beides. Dass man nämlich gut ist in dem, was man macht und dazu auch noch Erfolg damit hat. Aber sobald man das Gefühl hat, dass man sich von der eigentlichen Sache zu sehr entfernt hat, muss man Konsequenzen ziehen. Dann muss man eben auch mal einen Schlussstrich ziehen. Dass etwas Neues, Gutes entstehen kann.  

Martin Bechler: Kann ich nachvollziehen. Wobei nicht vorhandener Erfolg für mich kein Grund wäre, irgendetwas zu ändern. Ich hab das hier am Anfang vor dreizehn Leuten im Odonien im Nieselregen gespielt. War auch ok. Das Zauberwort heißt Unabhängigkeit. Wir spielen unser Zeug und wem es gefällt kommt zum Konzert. Ende der Geschichte.

Foto: Hanna Witte, 2019

Klaaf: Und dennoch wollt auch ihr unterhalten. Warum sonst der Schlafanzug, die Bärentatzen und die Federboa? Warum sonst diese kunstvoll gemachten Musikvideos?  

Martin Bechler: Das erste große Konzert, das wir mit dem Trio Fortuna Ehrenfeld gespielt haben, war zum Geburtstag unseres Labels in Hamburg vor dem Großmarkt und dann gleich mal vor 12.000 Leuten. Und weil wir dort die Newcomer waren, war unser Auftritt auf halb drei Uhr nachmittags terminiert. Ich habe dann gesagt: Wenn ich schon zu Zeiten auf die Bühne muss, die gegen jede Form der Menschenwürde verstößt, dann zieh ich mich halt auch erst gar nicht erst richtig an und bin im Pyjama auf die Bühne. Dabei ist es dann geblieben.  

F.M. Willizil: So ein Markenzeichen ist ja sowieso was Feines. Ich trage schon so viele Jahre meinen Hut, dass ich inzwischen unter dem Namen „de Hoot“ bekannt bin. Mein Kollege Peter Horn ist als Clown geschminkt, um die Narrenfreiheit zu feiern und zu zeigen, dass man in der Kunst mehr darf als im normalen Leben.

Klaaf: „Ich glaube an alles, was sich irgendwie bewegt“, heißt es in einem deiner Lieder, Martin. Mir scheint, Stillstand ist für euch beide nichts?  

Martin Bechler: Stillstand ist Rückschritt. Da ich keine Lust habe, den ganzen Tag eine Rauhfasertapete anzustarren, habe ich mich für Bewegung entschieden. Ich habe in meinem Leben schon immer das gemacht, was ich in dem Moment für richtig hielt, war immer ein unbelehrbares Arbeitstier und jetzt war dann halt mal DAS hier dran.  

F.M. Willizil: Ich bin ja schon ein bisschen älter, sehe das aber ganz genauso. Unser Keyboarder bringt da mit seiner Jugendlichkeit immer eine gewisse Bewegung in die Band – er ist gerade mal halb so alt wie ich. Und wenn nächstes Jahr der Peter Horn aufhört, fängt dann meine Tochter in der Band an, sie ist auch erst 33 Jahre alt und hat richtig Lust darauf, was Neues auszuprobieren. So bleibt man immer in Bewegung und entwickelt sich enorm weiter. So entsteht viel Neues.  

Klaaf: Worauf wir uns schon freuen! Ganz herzlichen Dank fürs Gespräch!

Das Gespräch führte Christina Bacher (Journalistin, Autorin)