Ist Kölsch bedroht?

Ist das Kölsche bedroht und wodurch?
Kölsch wird durch externe und interne Einflüsse bedroht. Extern wird es durch den Sprachkontakt mit der deutschen Standardsprache bedroht, aber auch durch das geringe Prestige, dass Mundarten generell im westdeutschen Raum zuteil wird.
Da eine Sprache nie statisch ist, sondern sich ständig im Wandel befindet, unterliegt sie internen, von außen unbeeinflussten Sprachwandelphänomenen, die sich zunächst in der gesprochenen Sprache zeigen und in vielen Fällen später durch neue grammatische Regeln oder neue Wörter in Wörterbüchern übernommen werden.

Sprachkontakt
Sprachkontakt liegt vor beim Gebrauch von mehr als einer Sprache am selben Ort zur selben Zeit. Die Ursache drohender Veränderungen besteht dann, wenn sich die dominante Sprache plötzlich in allen Bereichen des öffentlichen Lebens (Schule, Medien, Regierung) durchsetzt und die untergeordnete Sprache verdrängt. Die sprachlichen Veränderungen lassen sich in drei Kategorien einteilen:

Supralokalisierung: lokale Dialektwörter oder -phrasen werden ersetzt durch solche mit größerer Verbreitung.
Beispiele: Spezielle kölsche Wörter gehen verloren und werden durch deutsche ersetzt, z. B. "kodd" durch "bös", "kniestig" / "karrig" durch "geizig". Auch für das kölsche Pronomen "hä" wird häufig das deutsche Wort "er" gewählt, und die deutsche Verbform "steht" setzt sich mehr und mehr gegen die kölsche Form "steiht" durch.

Nivellierung: Formen, die von der Minderheit gesprochen werden, werden angeglichen an die von der Mehrheit benutzten, unmarkierten, neutralen Formen.
Beispiele: Aus dem kölschen "nit" entsteht in Angleichung an das deutsche "nicht" das Wort "nich". Es werden Wörter gebildet wie "übber", die sich aus dem deutschen "über" und dem kölschem "üvver" zusammensetzen, oder auch "abber" und "avver" aus deutsch "aber" und kölsch "ävver", ebenso hört man oft "of", das aus der deutschen Präposition "auf" und der kölschen "op" gebildet wird. Auf syntaktischer Ebene hört man oft "ne Frau" statt "en Frau" und "en Mann" statt "(e)ne Mann". Auf lautlicher Ebene (Phonologie) kommt es zu Angleichungen.

Simplifizierung: Unregelmäßige Formen werden vereinfacht, seltene (und damit kompliziertere) grammatische Phänomene simplifiziert zugunsten von alternativen, einfacheren Konstruktionen.
Beispiele: Bei "gemischten Verben" (solchen, die bereits in ihren Präsens-Zeitformen unregelmäßig sind in Bezug auf ihren Stammvokal) wird nur noch der einfachere Vokal benutzt, z. B. werden die Präsensformen bei Verben wie "levve" und "klevve", die zwischen kurzem geschlossenen "e" und langem "ä" wechseln, vereinfacht, indem die im Deutschen kompliziertere, weil nicht vorhandene Variante (kurzes geschl. "e") vereinfacht wird durch Ersetzen des langen "ä" bei sämtlichen Formen. Sowohl beim Infinitiv als auch bei den konjugierten Formen werden "levve" und "klevve" ersetzt durch "lääve" und "klääve". Auch das Substantiv "Levve" ist davon betroffen. In kölschen Liedern hört man inzwischen öfter "Lääve" als "Levve".

Im Atlas der bedrohten Sprachen zählt die UNESCO Kölsch zu einer gefährdeten, wenn nicht sogar ernsthaft gefährdeten Varietät. Sie definiert die Gefährdungsgrade, von denen das Kölsche betroffen ist, wie folgt:

• Als potentiell gefährdet gilt eine Sprache mit einer relativ hohen Sprecherzahl, die mindestens in großen Teilen ihres Verbreitungsgebiets auch an die jüngeren Generationen weitergegeben wird, jedoch nicht offizielle Verwaltungssprache und/oder nicht im Bildungswesen präsent ist.

• Eine Sprache gilt als gefährdet, wenn sie nicht mehr von Kindern zu Hause als Muttersprache erlernt wird.

• Eine Sprache gilt als ernsthaft gefährdet, wenn nur noch die Großeltern einer Familie der Sprache mächtig sind und schon die Elterngeneration diese eventuell noch versteht, jedoch nicht mehr nutzt.

Die größte Bedrohung für eine Sprache besteht demnach darin, dass sie im familiären Kreis nicht mehr oder nur noch ganz selten an die nächsten Generationen weitergegeben wird. Wird eine Sprache im Elternhaus nicht mehr gesprochen, kann sie von der nächsten Generation nicht mehr als Muttersprache gelernt werden.